Wolfgang Eckert: Die Einsamkeit der Wörter

Neulich kam mir Spitzwegs Gemälde vom armen Dachkammerpoeten vor Augen und ich erkannte an seiner Haltung beim Schreiben sofort, dass ich ein Nachfolger von ihm bin. Es gibt kein besseres Bild, dass so von der stillen Leidenschaft des Schriftstellers zeugt.

Oh, sei gegrüßt, Kollege meiner Zunft! An jenem Tag bist du von einer Wanderung in deine armselige Kammer geeilt, weil ein Gedanke keinen Aufschub mehr duldete. Auf den Holzdielen liegt ein hastig hingeworfener Stiefel, und der Stiefelknecht daneben scheint noch nach ihm zu schnappen. An der Wand lehnt der Wanderstock, hängt die Jacke an einem Nagel. Am Ofenrohr hängt der Hut zum trocknen. Aber der Ofen ist nicht geheizt. Auf ihm als Luxus die Waschschüssel, eine Leine ist gespannt für das einzige dürftige Handtuch. Es wird ein kalter Regen draußen gewesen sein. Hinter dem kleinen Fenster ist weiß die Kälte zu sehen. Und in der Tür des Ofens und vor ihm gebündeltes Papier. Sind`s Zeitungen und er trennt sich nun von ihnen, weil er darin genug an Unheil erfahren hat? Oder sind`s gar Manuskripte, die zurück kamen wie einsame Vögel und er gibt sie nun auf wie eine Mutter, die ihre Kinder nicht mehr ernähren kann? An der Wand hat er zwanzigmal gestrichelt. Zählt er die Tage, bis der Vermieter vor der Tür steht und er ihm die Miete nicht mehr bezahlen kann?

Aber was sollen all diese schnöden Dinge! Man muß ihn sehen, wie er mit angewinkelten Beinen (sieh einer an wie ich!) im Bett liegt. Die Decke sieht so aus als wärmt sie ihn nicht. Er trägt einen groben Rock. Das Chemisett am Hals verhindert das Eindringen der Kälte in seine glühende Seele. Denn er glüht vor Eifer. Die beiden Enden des weißen Kopfkissens blähen sich hinter ihm zu beiden Seiten wie Flügel auf. Über ihm ein lädierter Regenschirm fast schwebend an der Decke. Man hört das Tröpfeln des Regens durch das undichte Schrägwanddach auf ihn. Nirgendwo tickt eine Uhr an den Wänden. Was braucht es auch die Zeit! Auf dem Ofen eine alte Weinflasche, in deren schmalen Hals eine Kerze steckt. Ihr Licht fällt auf den Dichter, der dort halb sitzt, halb liegt auf der armseligen Matratze. Ach, käme doch zu diesem Anblick ein Verleger herein! Vielleicht änderte er dann seine gesamte Verlagspolitik und das lächerliche Honorar. Denn dort liegt ein Dichter, das sieht man. Umringt ist er von seiner spärlichen Bibliothek, sechs Bücher zählend, für die er vielleicht nach seinen Befindlichkeiten ein Vermögen gezahlt hat. Das Tintenfass droht umzukippen. Er hat die Schreibfeder quer zwischen die Lippen gepresst wie ein Indianer, denn er braucht jetzt freie Hände zum Dirigieren der Satzmelodie. Auf dem Kopf die altdeutsche Zipfelmütze verrät seine Herkunft. Vor ihm das Blatt Papier harrt der Vollendung. Über die randlose Brille hinweg geht der leidenschaftliche Blick des Dichters vermeintlich ins Leere. Aber es ist der Blick eines Jägers, der nach Wörtern jagt. Nichts im Raum ficht ihn in seiner Kärglichkeit mehr an. Der Tag bleibt draußen. Und all dies zu sehen, wäre nichts, gäbe es nicht diese Hand! Aufgerichtet ragt sie in den Raum. Die Spitzen von Daumen und Zeigefinger berühren sich, und es ist der Moment, da das entscheidende kostbare Wort gefunden wurde.

Oh, Freund meiner Zunft! Wäre nicht diese Hand, wäre alle Literatur ohne Wert. Diese ausgestreckte Hand, die Berührung des Zeigefingers mit dem Daumen – das ist der Glaube an die unerschütterliche Kraft der Poesie.

Aus: „Die Einsamkeit der Wörter“ (Omnino-Verlag Berlin 2019)


Wolfgang Eckert, geb. am 28.04.1935 in Meerane, lebt auch jetzt in Meerane, verheiratet, 1 Sohn. Grundschule, Webschule, Beruf des Handwebers, Textilarbeiter. Leiter einer Gewerkschaftsbibliothek. Absolvent des Literaturinstitutes in Leipzig (1960 – 1963). Ab 1970 freiberuflicher Schriftsteller. Auszeichnungen: „Hans Marchwitza – Preis“ der Akademie der Künste Ost-Berlin, Förderpreis des Institutes für Literatur und des Mitteldeutschen Verlages, Bürgermedaille der Stadt Meerane. Zuletzt erschienen: „Die letzten Blumen sieht man nicht“ (Omnino-Verlag Berlin 2020). https://www.wolfgang-eckert.info/

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