Aini Teufel: Sonni

Der erste Tag im Juni. Kindertag, internationaler, im sechsten Jahr nach Deutschlands Vereinigung. Menschengewimmel auf Dresdens Prager Straße. Viele Kinder. Man reicht ihnen bunte Luftballons, Fahnen, Blumen aus Papier. Die Kleinen, herausgeputzt nach Neufünfland-Art, hüpfen dankbar in der ungewohnt hellen Sonne. Dann und wann knallt ein Ballon, dann und wann fliegt ein Ballon, jemand kreischt, jemand lacht. Niemand schimpft. Kindertag.
                Eine Frau im Menschengewimmel, ohne Kinder. Die sind erwachsen, die Enkel am heutigen Tage anderswo. Ein Tag für sie allein. So viel, was sie tun könnte. Doch sie will nichts tun, will nur da sein und schauen: Kinder, Eis schleckend, Kinder, in Springbrunnen planschend, Sonnenlicht, das sich in Wasser bricht; will gehen, stehen, in Bücher sehen. Vielleicht eine Kleinigkeit kaufen, vielleicht. 

Kindertag auch im neuen lichtblitzenden Kaufpalast. Menschengewühl und Geschrei: Kaufen Sie! Kaufen Sie doch! Alles extra billig zum Internationalen Kindertag! Schenken Sie Ihrem Kind ein Spiel oder eine Puppe oder auch zwei oder drei! Jede Puppe, jedes Spiel  - fünf Mark!
                Die Frau, die Puppen für Kinderfilme malte, als das Land, in dem sie lebt, noch nicht wohlwollend-scherzhaft Neufünfland hieß, drängt sich der Stimme entgegen. Puppen über Puppen, sitzend, liegend, große, kleine, blonde, dunkelhaarige, bezopfte, kahlköpfige, Puppen in Kästen mit Zubehör, Puppen pur. Mütter und Großmütter und Kinder greifen zu. Zwei Blondinen schon im Arm, wählen sie die dritte: Die nicht! Die vielleicht? Sehen sie nicht wunderhübsch aus, die Kleinen mit ihrem hellen Lockenhaar? Wollen Sie keine?
                Die Frau schüttelt den Kopf. Und erschrickt, als sie plötzlich die eine sieht. Sie hat viele Puppen erfunden. So eine zu erfinden, gelang ihr nicht. Fragend sieht die eine sie an. Das Schildchen SONNI am Handgelenk verrät: Man hat sie erfunden im Land, das verschwand. Aufrecht und stolz wie eine Prinzessin sitzt sie, während um sie, durcheinander, übereinander, Beine hoch, Köpfe unten, die Puppen liegen. Niemand nahm sie wohl bisher in die Hände, die eine, niemand wollte sie. Obwohl auch sie extra billig ist, heute am Kindertag, dem internationalen. Üppig ihr Haar, üppig gelockt, nicht blond. Nicht hell Augen und Haut. Dunkel. Zu dunkel für Neufünfland? 
                Sie wollen wirklich keine Puppe?
                Die Frau kauft eine Kleinigkeit. Da ist wieder die Stimme: Schenken Sie! Schenken
                Sie doch! Alles extra billig zum Internationalen Kindertag! 
Wo ist die Puppe mit den fragenden Augen? wundert sich die Frau. Antwortete der Puppe jemand? O ja, es antworteten viele! Bedeckt von anderen Puppen liegt sie nun, verfitzt das Haar in Händchen anderer Puppen! 
                Kaufen Sie! Kaufen Sie doch! In einer halben Stunde schließen                    
                wir! Verdächtig den sich um die Kasse Drängelnden, verdächtig auch der Kassiererin die Frau, die das Haar der Puppe aus den Händchen anderer löste. Ist die verrückt?

Nicht mehr Kindertag, internationaler. Ein Junisonntag. Die Frau nicht allein, mit Enkelkind und Puppenwagen wartend an der Überfähre zum Schloß. Es leuchtet in der Sonne, Schloß Pillnitz am Wasser, ganz nahe schon. Dahin will das Kind mit SONNI, zum Schloßgarten und den Eichhörnchen unter alten Bäumen, hinein auch ins Schloß zur Puppenstube der Prinzessin! SONNI  wird staunen!
 
                Die Reihe der Wartenden ist lang. Die Frau und das Kind mit dem Puppenwagen stehen ganz vorn. Nur zwei in Tenniskleidung lehnen vor ihnen an ihren Rädern, eine Frau und ein Mann. Die Frau wendet sich um und erblickt das Kind. Das Kind und die Puppe. Die Puppe und das Kind. Sie beginnt zu grinsen. Dann stößt sie den Mann an und spricht zu ihm. Nun wendet auch er sich um und sagt etwas. Nun grinst auch er. 
                Das Kind hebt die Puppe aus dem Wagen und flüstert: Wenn die noch mal so was sagen, ich schlage die!
                Sie sagen noch einmal so etwas. Und sehen sich noch einmal um. Zum Kind und der Puppe. Zur Puppe und dem Kind. Und lachen laut.   

Die Überfähre kommt nahe. Ist da. Die Frau und der Mann schieben die Räder an. Das Kind schiebt den Puppenwagen aus der Reihe heraus. 
                Das tun wir nicht, sagt die Frau. 
                Doch, erwidert das Kind.

SONNI staunt über die Blumen, die das Kind ihr in die Arme legt. SONNI, bedeckt mit Sommerblumen. Lächelt sie?

Aini Teufel: geboren 1933 in Berlin, aufgewachsen in Dresden. Nach dem Abitur 1952 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei den Professoren Erich Fraaß, Hans-Theo Richter und Max Schwimmer. 1958 Diplom/Staatsexamen in der Fachrichtung Grafik bei Professor Schwimmer. Ab 1959 als freischaffende Grafikerin Mitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR. Zusammenarbeit mit Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen (Bilderbücher, Postkarten-Serien, Ausmalbücher). Nebenbei Unterricht für Kinder und Erwachsene im Malen und Zeichnen. 1980-1983 Mitarbeit bei der Restaurierung der Dresdner Semperoper. 1988-1989 Zusammenarbeit mit dem DEFA-Trickfilmstudio (Silhouetten-Märchen-Trickfilme). Mit Grafiken auf Ausstellungen in 19 Ländern vertreten; in der DDR viele Personalausstellungen. Von 1993-1996 Transkribentin am Staatlichen Museum für Völkerkunde in Dresden. Neben bildkünstlerischer Arbeit auch als Autorin tätig (Kurzhörspiele, Feature, Puppentheaterstück, Tagebücher). Erstes Tagebuch schrieb sie mit elf Jahren über das Kriegsende 1944/1945 in Dresden, das bisher letzte 2003/2004 über eine Studienreise nach St. Petersburg. Sie sieht sich als eine Chronistin unserer Zeit. http://www.aini-teufel.de

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