Reinhard Bernhof: Mein philosophisches Pferd

Vom Reiten bin ich weit entfernt. Kein Blashorn im Spiel, kein Hundegebell
Saß noch nie auf dem Rücken eines Pferdes
Bin auch kein Bereiteranwärter. Will nicht thronen. Gehe lieber
neben dem Pferd her
                                                bis zum Waldessaum und zurück

Manchmal bleibt es stehn: Hier will ich nicht

Oh, sein tiefes Schwarzbraun bis zur Schweifrübe
Rot oder Gold: unsporniert, so schön gestriegelt von Martha
in seiner Box

Mein Pferd lacht zwischendurch, bleibt ganz ruhig, sieht mir in die Augen
frisst Blätter einer jungen Birke

Es hört mir bis zum Ende zu, spitz und still seine Ohren
nach vorn gerichtet; ich höre ihm bis zum Ende zu
meine Ohren, die in der Sonne nicht so leuchten wie seine

In der Nähe des alten Fliegerbunkers, schwer es nach dort hinzulenken
Ich scharre an einer Lorenschwelle ein rostiges Hufeisen hervor
(Auch Pferde, Munitionskisten auf dem Rücken, waren bei den Soldaten)

Zurück zur Koppel, Klaps auf sein Hinterteil
Es jagt nach Luft, prustet sie aus, wiehert, springt, schüttelt die Mähne
(Paradies in diesem Augenblick, wie klein es doch ist
                                                                                                                        außerhalb ist nichts)
dreht das Viertel einer Stunde ohne mich seine Runden


Reinhard Bernhof (*1940 in Breslau) kam 1945 nach der Flucht aus Schlesien ins Ruhrgebiet. Nach dem Schulbesuch absolvierte er von 1955 bis 1958 eine Ausbildung zum Schlosser in Duisburg. Dort gehörte er zu den Initiatoren der Ostermärsche nach Dortmund. 1963 siedelte er aus familiären Gründen in die DDR über. Von 1965 bis 1967 studierte er am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig und arbeitet seither als freischaffender Schriftsteller. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er 1973 unter dem Titel „Die Kuckuckspfeife“ im Kinderbuchverlag Berlin. Im Aufbau-Verlag erschienen ab 1974 mehrere Gedichtbände, u.a. „Landwechsel“ (1977). Der Postreiter Verlag Halle a. d. Saale veröffentlichte erstmals seine Geschichten über Flucht und Vertreibung in „Die Ameisenstraße“ (1988). 1989 gehörte Bernhof zu den Mitbegründern des „Neuen Forums“. 1992 wurde Bernhof zum Vorsitzenden des Leipziger Schriftstellerverbandes gewählt; er war gleichzeitig Mitbegründer des Leipziger Literaturbüros u. a. literarischer Vereinigungen. 1993 lehrte Bernhof am Grinnell-College in Iowa (USA). Essays zur Leipziger Revolution veröffentlichte er unter dem Titel Die Leipziger Protokolle in Halle (2006). Zuletzt erschien von ihm „Unbekannte Reise nach Irkutsk“ (2017) im  Leipziger Literaturverlag. http://www.reinhard-bernhof.de/

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